Wird der Maschinenbau First Mover einer Green Economy?

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Der globale Wettkampf um eine „Green Economy“ ist im vollen Gange. Hinter der Green Deal Vision verbergen sich viele Chancen für den Maschinen- und Anlagenbau.

Die großen Megatrends Kreislaufwirtschaft und klimaneutrales Produzieren werden in naher Zukunft Wettbewerbsvorteil und Wachstumstreiber sein. Auch wenn diese Tendenzen jetzt noch nicht deutlich spürbar sind: Erkennbar ist, dass immer mehr Unternehmen Nachhaltigkeitsziele in der Unternehmensstrategie verankern. Kunden, Investoren und Gesellschaft fordern immer stärker die Klimaneutralität ein.

In Teilbranchen wie der Automobilindustrie gab es bereits Auswirkungen auf die Wertschöpfungsketten. Auch die Kunden des Maschinen- und Anlagenbaus werden künftig weltweit klimaneutrale Maschinen ordern. Oder sie wollen Maschinenparks modernisieren, um eigene Nachhaltigkeitsziele verwirklichen zu können. Es wird auch bei der Auswahl von Lieferanten eine Rolle spielen, ob diese nachhaltig aufgestellt sind. Weiteren Druck üben gesetzliche und politische Zielvorgaben aus, die sich bei steigendem Wohlstand in wichtigen Exportländern niederschlagen. Deshalb hatte wohl auch China vor kurzem angekündigt, bereits im Jahr 2040 – und damit zehn Jahre vor der EU – seine Wirtschaft klimaneutral stellen zu wollen.

Der globale Wettkampf um eine „Green Economy“ ist im vollen Gange. Für den Maschinen- und Anlagenbau bringt dieser Trend auf den ersten Blick zwar unausgereifte Regularien und Hürden mit sich, aber hinter der Green Deal Vision verbergen sich viele Chancen in Form von technologischen Innovationen und Geschäft. Der Übergang hin zu einer klimafreundlichen Wirtschaft muss „gerecht“ und „finanziell im Rahmen“ bleiben, um den globalen Wettbewerb nicht zu gefährden. Dieser Drahtseilakt ist eine immense Herausforderung für alle Akteure, während der Treiber „Klimawandel“ Jahr für Jahr für neue Schlagzeilen sorgt.

Maschinen- und Anlagenbau kann zum First-Mover einer Green Economy werden!
Bereits jetzt machen sich viele Unternehmen mit hohem Engagement und Eigeninitiative auf den Weg, Geschäftsmodelle und Produkte zu erproben. Der Maschinenbau produziert Anlagen, die das Wiederverwenden, Reparieren, Wiederaufbereiten und Recycling ermöglichen. Die Anlagen des Maschinenbaus sind aber auch selbst reparierbar, aufrüstbar, oft wiederverwendbar und haben eine jahrzehntelange Lebensdauer.

So hat Wilo SE in Dortmund ein Pumpenrecycling etabliert und DMG Mori AG in Bielefeld hat kommuniziert, bereits jetzt klimaneutral produzieren zu können. Thyssenkrupp AG hat seine Stahlproduktion transformiert und will durch den Einsatz von Wasserstoff CO2 vermeiden und gleichzeitig anfallendes CO2 nutzen – das sogenannte Carbon Capture & Usage.

Alles beginnt in kleinen Schritten und mit Best Practices, wie bei der Digitalisierung. Das ist auch gut so, denn die „grünen“ Märkte werden sich langsam etablieren und die eigene Wirtschaftlichkeit darf nicht um jeden Preis aufs Spiel gesetzt werden. Für den Wandel muss es Planungssicherheit und mit der Industrie erprobte Konzepte geben. Denn stets muss die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen – insbesondere die des Mittelstands – erhalten bleiben. Es gibt zum heutigen Zeitpunkt keine Regulierung, die Unternehmen die Klimaneutralität vorschreibt. Dennoch sollte man diesen Trend nicht verschlafen, bevor es andere Länder tun oder die Regulierungen kommen. Auf diesem Feld ein First Mover zu sein, wird sich auf lange Sicht auszahlen.

Angefeuert wird der Trend über politische Ziele wie dem Pariser Klimaschutzabkommen und dem European Green Deal der EU. Damit soll Europa zum Leitmarkt für grüne Innovationen und zum ersten klimaneutralen Kontinent werden. Bis 2050 könnte die Branche weltweit rund zehn Billionen Euro zusätzlichen Umsatz mit klimaschonenden Technologien erwirtschaften. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie des VDMA und der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group, die am 15. Juli 2020 vorgestellt wurde.

Erfahrungsaustausch: Vision und Umfang der Chancen erfassen!
Welche Chancen entwickeln sich über den neuen Green Deal für den Maschinenbau? Wie können die Unternehmen ihren CO2-Fußabdruck verringern? Wie können Unternehmen ihre CO2-Ausstöße überhaupt berechnen? Es gibt viele Fragen zu diesem Thema. Deshalb hat ProduktionNRW zu einem Erfahrungsaustausch am 11. September 2020 eingeladen.

Ziel der Veranstaltung war es, zu den Möglichkeiten und Chancen einer Green Economy zu informieren und die Vision des Green Deals verständlich zu kommunizieren. Frederike Krebs Referentin im VDMA European Office stellte den Teilnehmern die aktuellen politischen Entwicklungen rund um den Green Deal vor: „Die Relevanz für das Thema ‚Klimaneutrales Produzieren‘ kommt zum einen über die Eigeninitiative zur Klimaneutralstellung von Maschinenbauunternehmen. Zum anderen gibt es einen wachsenden Druck über die Lieferkettenkommunikation und das Nachhaltigkeitsreporting. Drittens ist zu beobachten, dass Finanzmärkte ihren Fokus verstärkt auf nachhaltige Unternehmen setzen.“

Der Green Deal von EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen solle von Unternehmen nicht nur als Last, sondern auch als Wachstumsstrategie verstanden werden. Es gehe darum, weltweit als globaler Vorreiter für die Transformation hin zu einer EU-Kreislaufwirtschaft zu verwirklichen. Um dies zu verwirklichen, hat die EU-Kommission ein umfangreiches Kreislaufwirtschaftspaket mit zahlreichen Maßnahmen vorgelegt.  

Zu den wesentlichen Punkten des Kreislaufwirtschaftspakets gehören

  • Verbesserung der Haltbarkeit, Wiederverwendbarkeit, Aufrüstbarkeit und Reparierbarkeit von Produkten
  • Erhöhung des Recyclinganteils in Produkten bei gleichzeitiger Gewährleistung ihrer Leistungen und Sicherheit
  • Ermöglichung des Remanufacturing und eines qualitativ hochwertigen Recyclings
  • Verringerung des CO2- und Umweltfußabdrucks
  • „Product-as-a-Service“ oder andere Modelle, bei denen die Hersteller das Eigentum & Verantwortung an dem Produkt während seines gesamten Lebenszyklus behält.

Maschinenbaurelevante, geplante weitere Produktregulierungen

  • Mögliche verpflichtende Anwendungen des PEF (Product Environmental Fopotprint) bei „green claims“ für Produkte
  • Einführung eines elektronischen Produktpasses
  • Etablierung eines „right-to-repair“ für Konsumenten
  • Boost für einen Sekundärrohstoffmarkt (z.B. Quoten für Verpackungen und Qualitätskriterien für recycelte Materialien und dessen Wiedereinsatz)
  • Verpflichtenden Quoten beim öffentlichen Auftragswesen für nachhaltige Technologien (Green Public Procurement)

Der VDMA bereitet die Unternehmen intensiv auf eine „Green-Economy“ vor. Unter der Leitung von Frederike Krebs hat sich eine Projektgruppe „Klimaneutral Produzieren“ gebildet: „Wir haben zusammen mit der First Climate Markets AG einen Leitfaden exklusiv für unsere Mitglieder entwickelt. Dieser erläutert, wie die Schritte auf dem Weg zur Klimaneutralität aussehen.“ Im nächsten Jahr soll unter anderem ein Tool entwickelt werden, über das die Unternehmen den CO2-Fußabdruck ihrer Produkte berechnen können.
 
In einem weiteren Gastvortrag ging Nicole Wallner, Projekt Partner und Manager Automation    bei der Drees & Sommer AG, auf CO2-neutrale Produkte und Anlagen ein und die biologische Transformation im Produktdesign: Produkte werden nach dem Vorbild der Natur konstruiert: So hilft die Additive Fertigung dabei, erhebliche Gewichts- und somit Materialeinsparungen von unter 50 Prozent zu reduzieren. Dies führe zu höheren Geschwindigkeiten in Fertigungsprozessen und zu einem Einsatz leichterer Roboter und Manipulatoren, was den Verbrauch und die Emissionen um 13 Prozent reduzieren kann.

Ein anderer wichtiger Aspekt ist es, CO2 zum Rohstoff zu machen. Denn dieser ist Ausgangstoff für viele chemische Prozesse. Diese Kohlendioxid-Kreisläufe erfordern neuartige Technologien für die Gasreinigung, Katalyse und Prozesstechnik. Kern des Vortrags waren außerdem die „low hanging fruits“ in der CO2-neutralen Fabrik bei Querschnittstechnologien.

Fazit des Erfahrungsaustausches
Das Thema „klimaneutrales Produzieren“ ist eines der wichtigsten Zukunftsthemen: Denn es führt kein Weg an einer CO2-neutralen Produktion vorbei. Der Treiber „Klimawandel“ wird Jahr für Jahr mächtiger. Mit diesem Wissen jetzt nach Chancen für neue Geschäftsmodelle zu suchen kann sich später auszahlen. Dazu bedarf es jedoch weitaus höheren Anstrengungen als politische Zielvorgaben aus Brüssel. Ein immenser Kraftakt ist nötig, um die nächste Transformation zu bewältigen. Jeder Einzelne ist gefragt, die richtigen Hebel in Bewegung zu setzen – vom Mitarbeiter bis zum Vorstand. Aber auch ohne eine Beteiligung der Industrie, der Verbände, der Bildungsinstitutionen bei den Entscheidungs- und Umsetzungsprozessen steht die Realisierung aktuell noch auf dünnem Eis – synchron zu schmelzenden Gletschern in der Arktis.

Veranstalter
Die Veranstaltung wurde von ProduktionNRW angeboten. ProduktionNRW ist das Kompetenznetz des Maschinenbaus und der Produktionstechnik in Nordrhein-Westfalen und wird vom VDMA NRW durchgeführt. ProduktionNRW versteht sich als Plattform, um Unternehmen, Institutionen und Netzwerke untereinander und entlang der Wertschöpfungskette zu vernetzen, zu informieren und zu vermarkten. Wesentliche Teile der Leistungen, die ProduktionNRW erbringt, werden aus Mitteln des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) gefördert.

Weitere Informationen

Co-Autorin: Frederike Krebs, VDMA European Office